Rüdiger Bertram – Antje Herden – Kai Lüftner

Rüdiger Bertram – Antje Herden – Kai Lüftner

Donnerstag, 16. Januar 2014

Date – Kai Lüftner


Freitag, der 13.

Ich war 13.

Seit genau 13 Tagen ...

Ich würde mich nicht gerade als abergläubisch bezeichnen, aber – mir war so unglaublich schlecht. Seit Wochen schon!

Denn heute, ausgerechnet heute: mein erstes richtiges Date!

Die letzte Nacht war kurz, von Alpräumen und einer kaum kontrollierbaren Aufregung vor dem Kommenden verhangen, und endete gegen 3.30 Uhr mit der Erkenntnis, dass sie keinen Sinn mehr machte. Zumindest nicht unter Erholungsgesichtspunkten.

So richtig wach wurde ich, als ich mir den Kopf mörderisch am Wannenrand gerammelt hatte. Beim Versuch, mich aufs Klo zu setzen. Im Dunkeln. Mit noch geschlossenen Augen. Tastend vom Schlafzimmer, durch den Flur ins Bad, aufs Klo. Mit Vollkontakt-Umweg ans Emaille. Bamm! Dankeschön.

Das was da nun über der linken Augenbraue wuchs, überstieg schließlich alles, was ich kannte. Das entstehende Horn war ein wahres Monstrum aus gequetschtem und geschwollenem Zellgewebe, das in einem lila-leucht-rot pulsierenden Gipfel endete und mich daran erinnerte, wie schlecht mir immer noch war. Oder schon wieder. Oder und.

Jedenfalls bildete mein linksseitig neu entstandener Beulenberg nun wenigstens einen guten Kontrast zu dem riesigen Pickel, der sich bereits vor einer Woche über der rechten Braue meines lädierten Gesichts in einer Dimensionen entzündet hatte, die ich bisher nur von so einer ekligen Wartezimmer-Anschauungstafel beim Hautarzt kannte.

Ehrlich, dieser Pickel war so groß wie der Boden von Papas Espresso-Tasse. Ich habs gemessen. Und von der Höhe rede ich dabei nicht. Vermutlich würde sein Inhalt in selbe Espresso-Tasse passen. Boah, widerlich, ich weiß! Aber unübersehbare Tatsachen zu verleugnen oder auch nur nicht zu nennen, überlasse ich all denen, die es sich leisten können. Ich zähle nicht dazu.

Freitag, der 13., mein erstes Date. Und ich hatte im Gesicht ein Gebirge aus Schwellungen und Entzündungsherden – und war so abergläubisch wie noch nie in meinem Leben.

Ein zweiter Blick in den Spiegel hinterließ eine zweite Deutungsmöglichkeit, denn bei genauerer Betrachtung bohrten sich da gerade die Hörner des Date-Verhinderungs-Teufels durch meine Stirn – in unterschiedlichen Stadien von Endgültigkeit.

Dass ich mir den Zeh in der Badezimmertür zu einem Mus aus grün-gelbem Knorpel matschte erwähne ich nur der Vollständigkeit halber. Denn im nächsten Satz spielt das eine Rolle.

Ich humpelte nämlich drei Stunden später in dieses Cafe. Zu diesem Date. Zu diesem Mädchen. Ich humpelte und hatte mir die Haare vollkommen hässlich ins Gesicht gekämmt. Das sah vermutlich blöder aus als das Gebirge selbst, aber ich hatte keine Wahl.

Wenn ich mich selbst schon vor mir ekelte, wie sollte es da meiner zukünftigen Niemals-nicht-Freundin gehen?

Übergeben hatte nicht geklappt, ich hatte es mehrfach versucht. Mamas Abdeck-Püderchen blieben sinnlos, weil ein Gebirge nun mal nicht zu kaschieren war und mein Herz pumpte sich nun keuchend durch die letzten Minuten vor dem vermutlich letzten ersten Date meines Lebens.

Und dann kam sie. Irgendwie war ihr Gang schleppend, es schien als würde ihre linke Körperhälfte etwas herabhängen und als zöge sie den Fuß nach.

Das tat ihrer Anmut natürlich keinen Abbruch. Sie war nicht nur wunderschön, sondern auch noch obercool, was sie durch die dicke Sonnenbrille auf der Nase mit Nachdruck unterstrich.

Sie stand vor mir, taxierte mich sprachloses Elend durch das Dunkelblau ihrer Gläser und fing an zu grinsen. Erst nur ein bisschen, dann immer mehr. Ich schaute mich irritiert um, aber niemand nahm uns zur Kenntnis. Alle waren mit ihren geflavourten Latte Macchiatos beschäftigt.

Schließlich ließ sie sich schnaufend auf einem Stuhl nieder und nahm die Sonnenbrille ab. Ihr linkes Auge war hinter einem matschig-grünen Veilchen komplett verschwunden und das rechte schien bis vor kurzem Schauplatz einer lehrbuchreifen Bindehautentzündung gewesen zu sein. Geplatzte Äderchen durchzogen den ganzen Augapfel und ließen mich an diesen P18-Film denken, der auch irgendwas mit Freitag, der 13. hieß.

Es war schaurig anzuschauen. Es war ... TOLL!

Erleichtert plumpste ich auf den Stuhl neben ihr, wischte mir den Alibi-Pony aus der Stirn und präsentierte mein Gebirge unverhangen.

Wir betrachteten uns ungeniert in unserer ganzen Unzulänglichkeit und schließlich teilten wir uns nicht nur Schrundencreme, Kühlgels und Pickeltinkturen, sondern auch noch den unterschiedlich geflavourten Latte Macchiato.

Es war das schönste erste Date meines Lebens.

An einem Freitag, dem 13.! 

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