Rüdiger Bertram – Antje Herden – Kai Lüftner

Rüdiger Bertram – Antje Herden – Kai Lüftner

Donnerstag, 13. Februar 2014

WOW – Rüdiger Bertram



Praxis - Intern/Tag

Ein blasser, schmächtiger Junge liegt auf einer Couch. In einem Sessel neben ihm sitzt ein Mann. Er hat einen Notizblock auf dem Schoß und hält einen Stift in der Hand, auf dem er immer wieder herumkaut. Es ist nicht ganz klar, ob aus Nervosität oder doch nur aus Langeweile.

Mann
Und dann war da plötzlich dieser Troll an der Gemüsetheke. Richtig?

Junge
Doch kein Troll! Das war ein Worg.

Mann
Entschuldigung. 

Junge
Das ist so 'ne Art Werwolf. Nur größer. Der Troll tauchte erst viel später auf. Der Worg stand da beim Bio-Gemüse und hat mich angebrüllt. Ich habe ihn aber nicht verstanden, weil grad 'ne Durchsage wegen des Stornoschlüssels über den Supermarktlautsprecher ging.

Mann
Wie hast du darauf reagiert?

Junge
Na, gar nicht. Ich hatte den Schlüssel ja nicht.

Mann
Ich meinte den Worg. Wie hast du auf sein Brüllen reagiert?

Junge
Gerannt bin ich, was sonst?! Was hätten Sie denn getan? Vegane Rezepte ausgetauscht?

Mann (zuckt nur die Achseln)
Du bist also gerannt. Beschreib mir bitte, wie Du dich dabei gefühlt hast?

Junge
Scheiße habe ich mich gefühlt! Sie sind wohl noch nie von 'nem Worg gejagt worden, oder?

Mann
Nicht, dass ich wüsste.

Junge
Glauben Sie mir, das wüssten Sie. Ich bin jedenfalls rüber zu den Kühlregalen, weil ich dachte, dass es ihm da vielleicht zu kalt ist.

Mann
Zu kalt?

Junge
Klar war das naiv. Dem hat die Kälte überhaupt nichts ausgemacht. Er ist hinter mir her und hat dabei 'nen Kinderwagen umgerissen. Die Mutter hat vielleicht geschrieen von wegen: "Will sofort den Geschäftsführer sprechen!"

Mann
Und?

Junge
Der hat sich natürlich nicht blicken lassen. Hätte ich ja auch nicht gemacht, wenn in meinem Laden ein Worg unterwegs ist.

Mann
Ich meinte nicht den Geschäftsführer, sondern dich. Was hast du gemacht?

Junge
Mit Tiefkühlpizzas geworfen. Aber das nützte gar nichts. Der Worg hätte mich glatt gefressen, wenn da nicht plötzlich 'ne Blutelfe aufgetaucht wäre und ihn mit ihrem Bogen erledigt hätte. Mitten im Sprung. 

Mann
Hatte sie zufällig Ähnlichkeit mit deiner Mutter?

Junge
Wer?

Mann
Diese Blutelfe.

Junge (lacht)
Sie fragen Sachen! Nein, überhaupt nicht. Außerdem war sie kurz darauf tot, weil sich ein Gnom von hinten an sie herangeschlichen hat und BATSCH. Das war echt nicht schön. 

Mann
Was war nicht schön?

Junge
Na, das ganze Blut überall. Sie stand ja an dem Regal mit dem Mehl und so. Da war plötzlich alles rot was vorher weiß war. 

Mann (nickt wissend)
Aha, alles war rot was vorher weiß war. Ich verstehe.

Junge
Häh?! Blut ist nun mal rot. Ich bin dann schnell weiter rüber zu den Regalen mit den Weinflaschen und Schnäpsen und so. War aber eine Sackgasse. 

Mann (zieht verwundert die rechte Augenbraue hoch)
Das ist jetzt eher ungewöhnlich, dass Alkoholiker das selbst einsehen.

Junge 
Ich doch nicht! Ich rühr das Zeug gar nicht an.

Mann
Dann erlär mir, warum du das Spirituosenregal sonst als Sackgasse empfunden hast.

Junge
Wegen des Trolls, der da am Ende des Gangs auf mich gewartet hat. Der musste den Kopf einziehen, um sich nicht an der Decke zu stoßen, so groß war der.

Mann
Hast du versucht, mit ihm zu reden?

Junge (lacht)
Mit Trollen kann man nicht reden! War auch gar keine Zeit für. Als der mich sah, hat der sofort die Regale umgeworfen. Überall waren Scherben und die ganze Plörre schwamm auf dem Boden. Ich also wieder zurück. Der Gnom holt mit seinem Streitkolben nach mir aus, aber ich nicht doof, schnappe mir einfach eine Packung Klopapier und halte die so vor mich. Das hat den Schlag abgeschwächt. Einen riesigen blauen Fleck habe ich trotzdem abgekriegt. Wollen Sie mal sehen?

Der Junge zieht sein T-Shirt hoch.

Mann
Nein, danke. Und was ist dann passiert?

Junge
Dann war der Troll auch schon bei uns und hat den Gnom - ich schwöre - einfach in der Mitte durchgerissen. Da war mir endgütig klar: Ich muss hier weg. Ich war ja mittlerweile auch der Einzige im ganzen Supermarkt. Die anderen Leute waren alle längst geflohen. Aber hinter denen waren die ja auch nicht her.

Mann
Wer sind "die"?

Junge
Na "die"! Wer denn sonst?! Ich renne also weiter auf den Ausgang zu - das hätte ich schon viel früher machen sollen - als da plötzlich ein Trupp Orcs auftaucht. 

Mann
Gehörten die auch zu "denen"?

Junge
Keine Ahnung und ich habe sie auch nicht gefragt. Ich bin einfach hinter die Kasse gehechtet und hab mich da zwischen den Plastiktüten versteckt. 

Mann
Wie haben die Orcs darauf reagiert?

Junge
Na, gar nicht. Die haben sich auf den Troll gestürzt. Mein Gott, war das ein Gemetzel an der Fleischtheke. Ich konnte gar nicht hinsehen.

Mann
Und wer hat gewonnen?

Junge
Keine Ahnung, ich habe mich dann aus dem Laden geschlichen. War ja auch schon höchste Zeit für den Termin hier bei Ihnen. Da wollte ich ja nicht zu spät kommen. 

Mann
Weißt du, was ich denke? Ich denke, du verbringst ein klein wenig zu viel deiner Freizeit mit Online-Spielen. Geh einfach mal mehr raus an die frische Luft.

Junge (lacht)
Ich bin doch nicht lebensmüde.

Mann
Du verlierst dich in diesen Fantasiewelten. Das ist nicht gut.

Junge
Sie glauben mir nicht, ist es das? Sie denken, ich bilde mir das alles nur ein?

Mann (besänftigend)
Nein, nein, natürlich glaube ich dir. 

Es klopft von draußen an die Tür.

Mann (ruft Richtung Tür)
Jetzt nicht, ich bin mitten in einer Sitzung.

Das Klopfen wird lauter.

Mann
Jetzt nicht, habe ich gesagt.

Die Schneide einer Streitaxt bricht durch das Türblatt. Der Axt folgt kurz darauf ein Zwerg in einer rostigen Rüstung.

Mann 
Haben Sie einen Termin?

Statt zu antworten, spaltet der Zwerg dem Mann mit einem einzigen Hieb den Schädel.

Junge (richtet sich auf dem Sofa auf)
Ist es schon so weit? Ich dachte, die Schlacht wäre erst später. Hast du meine Rüstung und meine Waffen dabei?

Der Zwerg nickt wortlos und deutet nach draußen. Der Junge erhebt sich von dem Sofa. Er steigt über den am Boden liegenden Mann und bemüht sich dabei, nicht in die stetig wachsende Blutlache zu treten.

Junge 
Das nächste Mal wartest du draußen, bis ich hier fertig bin. Verstanden?

Der gepanzerte Zwerg nickt schuldbewusst.

Junge 
Ist ja schon gut, jetzt mach dir mal keinen Kopf. Lass uns lieber hier verschwinden und endlich auch das Böse besiegen.

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