Rüdiger Bertram – Antje Herden – Kai Lüftner

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Donnerstag, 30. April 2015

Sprühspülung – Kai Lüftner

Stellen wir uns eine Geburtstagsparty vor.
Sagen wir, der Junge wird sechs.
Sagen wir, er durfte zehn Freunde einladen.
Sagen wir, sie kamen.

Soweit zum Setting, das wir kurzerhand in eine schnucklige, unschuldige Vier-Zimmer-Altbauwohnung mit kleinem Garten am Rande Berlins verlegen.
Und dabei grinsend hinzufügen, dass es regnet.

Verlassen wir nun die neutrale Perspektive des Beobachters und versuchen, uns in eine der handelnden Hauptfiguren hinein zu fühlen.
Sagen wir, es ist der Vater.
Ein sich stoisch in seine Rolle fügender, fürsorglicher und liebevoller Mann mit einem riesigen fleischigen Herzen und dem Gemüt einer Scheibe Toast in Milch. In inniger Liebe Frau und Kind verbunden und der Inbegriff eines harmonieforcierenden Letzten seiner Art.
Jemand, der sein Zuhause liebt. Sein Reich.
Stellen wir uns nun vor, er gleitet, stolpert, rutscht – aufgrund bereits benannter Anlagen – in diese Zu-Hause-Party-Situation aus dem Unvermögen, der Vernunft den Raum zu geben, den sie verdient hätte!
Er hatte von Anfang an die Idee favorisiert, diesen ganzen Wahnsinn in einem Etablissement zu verbringen, das man dafür bezahlt, dass es im Anschluss kernsaniert wird.

Das Argument der Ehefrau war der Garten gewesen, die Option eines kontrollierten Vulkanausbruchs außerhalb des expliziten Wohnraums. In der Nähe, aber außerhalb.
Doch Tief „Montezumas Rache“ spülte alle outdoor-ambitionierten Pläne, wie ja bereits erwähnt, in den Abfluss.

Kinderspiele-Welt.de, unter der Rubrik „Spiele für drinnen“, war relativ zuversichtlich, was innerhäusliche Minderjährigen-Rudel im Feier-Fieber betraf und wartete mit Party-Luftballon-Stuhltanz-Gedöhns auf semisemi-professionellem Level auf.
Um eine lange, laute und allumfassend sehr herausfordernde Geschichte abzukürzen:
Von zwölf Spielversuchen muss man elf als gescheitert betrachten.

Lediglich „Klopapier-Mumie“ kann als Erfolg verbucht werden. Spätestens ab dem Zeitpunkt, als sich besagter Vater hat einwickeln lassen. Müssen.
Doppellagig.
Nach der dritten Vuvuzela-Fanfare direkt ins linke Mittelohr störten ihn die Plastikschwerter hinterm unteren Rippenbogen und die Edding-Nasen-Tamponage auch fast gar nicht mehr.
Irgendwann riss einfach etwas in ihm. Sein Geist brach, die Umgebungsgeräusche verwaberten zu einem phonetischen Zeitloser-Raum-Brei und sein Blick rutschte neben die Spur. Es merkte nur keiner unterm Kackpapier.
Was dann passierte, im Kopf dieses hilflosen Geschöpfes, überfordert einen gesunden mitteleuropäischen Geist.

Auch für mich endet diese kleine Dokumentation genau hier.
Ich kann mich irgendwie erst wieder an eine Stimme erinnern, die fragte: „Sollen wir ihn liegen lassen?“
Und eine andere Stimme, die antwortete: „Bringt ihn für die Sprühspülung der Innenräume doch einfach in den Garten.“

Kleiner Nachtrag 1): Man erzählt sich, dass eine Sondereinsatzgruppe der Berliner Stadtreinigung drei Tage mit den Klopapier-Rolle-Resten dieses Exzesses beschäftigt war. 

Kleiner Nachtrag 2): Besagter Vater ist voller Hoffnung, dass die Wohnung binnen weniger Monate wieder nutzbar sein wird.

Donnerstag, 9. April 2015

Wurst – Kai Lüftner


Prolog: Diese Geschichte ist genau so passiert. Ich habe nicht jeden einzelnen Wortlaut mehr explizit präsent (obwohl ich sonst eigentlich - ganz Profi - meistens aufschreibe!), denn dieses Gespräch hat mich wirklich kalt erwischt. Den Bezug zur WURST hab ich allerdings konstruiert. Denn ich stelle ihn gleich zum Anfang her:
Es ist nämlich WURST, für wie klug / gebildet / schlau man sich hält und was man zu wissen glaubt – Kinder wissen mehr! Das ist nix erklärbares, sondern höchstens etwas, das man fühlt, wenn man sich darauf einlässt. Ich lasse mich darauf ein und lerne durch und über mein Kind diese Welt noch mal ganz anders kennen – jeden Tag! Was für ein Geschenk!!!


Kind und Papa sitzen am Tisch und spielen die 20. Runde Mau-Mau. Kind zockt Papa tierisch ab, der die schlechte Laune bereits kaum noch unterdrücken kann und ziemlich schnippisch auf die Scherze reagiert, die er Kind selber beigebracht hat.
Es steht 18 : 2 für Kind. Bei 20 soll Schluss sein.

Kind: Sei doch nich traurig, Paps, es ist heut eben nich dein Tag.
Papa: Ick hab ditt Jefühl, is nich mein Leben, watt dein Spielglück anjeht. Außerdem gloob ick sowieso, dass du schummelst.
Kind: Stimmt aber nich!
Papa: Na, wie soll n ditt sonst möglich sein, dass du mich - den Karten-King - so krass besiegst?
Kind: Ich spiel eben besser! Oder du spielst eben blöd!
Papa: Janz schön frech, Rotzlöffel!
Kind grient in sich rein.
Papa: Watt grienst n so?
Kind: Mir ist grad nur was Lustiges eingefallen!
Papa: Aha!
Kind: Willste wissen?
Papa: Pfff
Kind: Ich sags dir!
Papa: Pfff
Kind: Ist lustig.
Papa: Na loooooos!
Kind: Der Papa der hat laut geschrien, denn er muss 8 Karten ziehen!
Papa:
Kind: War doch lustig, oder?
Papa: Ja, war lustig. Können wir jetz weiter zocken? Ick will dich noch einholen.
Kind wird plötzlich ganz verträumt.
Papa: Watt is n nu?
Kind: Mir is noch was eingefallen!
Papa: Lass mich raten, so was wie: Der Papa kiekt voll irritiert, weil er in Mau-Mau verliert?
Kind: Nee, ich hab mir vorgestellt, wie es wäre, wenn die ganze Welt nur ein Film ist.
Papa: Hä?
Kind: Naja, es is doch verrückt. Wir können alles mit unseren Augen sehen, die ganze Welt, so wie wir auch Filme gucken. Und ich frag mich eben, ob das alles vielleicht auch nur ein Film ist, diese ganze Welt, und wir spielen wie die Schauspieler in den Filmen und können alles machen, weil es eben nicht echt is. Oder weil man keine Angst hat, denn man kann ja nicht sterben, oder die Monster zum Beispiel, die gibt es gar nich wirklich und am Ende ist man nicht tot, sondern geht nach Hause und hat sogar Geld verdient, oder was gelernt zum Beispiel. Voll krass ... Darum gewinn ich vielleicht auch grade, weil ich mir denke, dass wär doch cool, wenn ich gewinnen würde ... und dann kommen die guten Karten. Einfach so. Weißt du was ich meine?
Papa glotzt einfach nur.
Kind: Ich kann das, Paps. Ich kann die Welt so sehen. Und sie guckt sozusagen zurück und sieht mich und wir sehen uns und alles ist wie es ist. Wir sind Kumpels und ich bin genauso wichtig wie die Welt, weil ich eben ein Teil davon bin. Das ist nicht leicht zu verstehen, oder ich kann es nicht anders erklären, aber es ist wirklich so.
Papa glotzt voll blöd und ist nun gar nicht mehr genervt, sondern einfach nur fasziniert. Er kommt nicht mal dazu, sein Notizbuch hervor zu holen. Da ist dieses hohle Gefühl in ihm, das doch alles ausfüllt
Papa: Das sind ganz schön viele und ganz schön krasse Gedanken auf einmal für n Fünfjährigen.
Kind: Da hat doch mein Alter nix mit zu tun, Paps, ich glaub manchmal sogar, die Erwachsenen werden immer blinder wenn sie älter werden.
Papa: Boah, manno, du haust mich echt um, Hase! Ich meine  wie kommst du denn nur immer auf sowas?
Kind: Ich überlege.
Papa: Ähm okay
Kind wendet sich wieder den Karten zu. Fast wirkt es, als wäre ihm etwas peinlich.
Kind: So und jetzt lass mal weiter spielen, ich will doch noch schnell zu Ende fertig machen und dann ins Bett! Okay?
Papa komplett konsterniert.
Papa: Okay.

Donnerstag, 19. Februar 2015

Küchenrollen – Kai Lüftner


Heute beginnt Kai mit dem dritten Zettel – einer Einkaufsliste



Küchenrollen

Der Opa hat es mit der Blase,
und trinkt das Bier voller Extase.
Es tropft dem Kinde schlimm die Nase,
und kippt vom Tisch die Blumenvase.

Tomatensoße spritzt vom Teller,
man rennt zum Klo, doch pinkelt schneller.
Man spielt mit Pizzateig Propeller
und stapelt Farbeimer im Keller.

Man ölt im Flur die Fahrradkette,
man schneidet Finger, statt Bulette,
man übt auf Schotter Pirouette
und liebt sich feucht mit Bernadette.

Wenn Menschen etwas wischen wollen,
dann tun sie das mit Küchenrollen.
Man hat von allem oft zu viel,
doch nicht von diesem Utensil.

Wenn dir ein Pickel explodiert,
wenn man am Kinn vorbei rasiert,
wenn man den Nachbarn kalkuliert
und wiederholt sehr provoziert.

Wenn man, was nicht so oft passiert,
versehentlich sich stranguliert.
Wenn man beim Käsereiben onaniert
und es dann noch einmal probiert.

Wenn den Koran man falsch zitiert,
ein Taliban dann hospitiert!
Wenn man beim Hip Hop ungeniert
von Herrenrasse fabuliert 

Es fehlt, solange nichts befleckt,
mir oftmals etwas an Respekt.
Dabei gibt sie dir doch Kontrolle,
die gute alte Küchenrolle.

Doch spuckst du, suppst du, spritzt du Blut,
dann zollst du ihr gewiss Tribut!

Donnerstag, 29. Januar 2015

Oscar Wilde – Kai Lüftner


Im halbblinden, angeschlagenen Spiegel des Bahnhofsklos sah mein teigiges von durchzechten Nächten und billigen Drogen verquollenes Gesicht genau nach dem aus was es war. Nur schlimmer.
Ich streckte mir selber die Zunge raus, sie war rissig und spröde, belegt und aufgedunsen. In meinem linken Augenlid zuckte es, ich konnte aber nichts finden, egal wie sehr ich das Lid nach oben zerrte und versuchte dahinter zu schauen.
Ich malte auf dem Spiegel die Konturen meines Kopfes mit meinem von Kotze verschmierten Finger nach, es wurde irgendwas gruseliges zwischen Oktagon und Totemmaske. Es hatte ein Fischmaul, das sich zu öffnen schien.
Ich verwischte es hektisch.

Möglicherweise war ich wahnsinnig geworden! Dieser erschreckend klare Gedanke ließ mich hysterisch auflachen, bis ich Schritte hörte und mich in meine Klokabine zurück zog. Die letzte ganz hinten an der Wand. Ich stemmte mich von innen gegen die Tür und lauschte und versuchte kein Geräusch zu machen.
Mein Atem ging allerdings schwer.

Die Tür öffnete und schloss sich gleich wieder. Die Schritte entfernten sich.
Tausend Interpretationen gingen mir durch den Kopf. Ein Spion? Die Bullen? Die Russenmafia? Oder doch der gealterte Dorian Gray?
Ich kicherte wieder und sackte dann auf den gilbigen Kacheln zusammen. Meine nasskalten Händen hielten die teigige Mischung aus Okatgon und Totemmaske wie ein brüchiges Artefakt. Zwischen den Fingern stieß ich röchelnd stinkenden Atmen aus, der froh zu sein schien, mich verlassen zu dürfen.

Das Bildnis des Dorian Gray zu lesen hielt ich für eine gute Idee - Absinth mit Stechapfel trinkend, Spice und dieses schwere marokkanische Hasch-Öl-Konzentrat kiffend. Mir war schlecht geworden und ich hatte mit einer nicht geringen Brise Rosé-Speed auf den Zähnen dagegen angekämpft. Kurz erfolgreich. Kurz darauf weniger erfolgreich.
Ich bekam hyperaktive Zuckungen und diesen ungesunden Bewegungsdrang, der mich auf die Straße trieb.

Später, es können Stunden, aber auch Tage gewesen sein, fand ich mich wieder, wie ich versuchte die festgewordene Kacke im Becken eben jener, mir so lieb gewordenen Kabine am Bahnhof abzupinkeln. Es gelang mir nicht, ich weinte, erst leise, dann lautstark, dann trank ich literweise Wasser und versuchte es weiter - solange bis ich erneut kotzen musste.
Es blieb egal, ob aus Ekel vor mir selbst oder der widerspenstigen Kacke im Becken.

In einem Turky-Fieber-Traum sah ich Charles Bukowsky mit Oscar Wilde knutschen, sie schoben sich ihre langen Pferdezungen übertrieben in die Münder und machten widerliche Geräusche.
Ich schrieb mir ein paar Zeilen dazu auf und merkte, dass ich gar kein Notizbuch dabei hatte. Ich fühlte mich elend und gleichzeitig so frei wie noch nie in meinem Leben.
Das Lachen kam mechanisch, das Heulen auch.
Hilfe. Hurra. Hilfe. Hurra.

Ich linste durch einen Spalt nach draußen, in die feindliche Welt.
Mein Blick fiel auf die verwischte Oktagon-Totemmaske und es war, als hätte jemand die Freeze-Taste meines Körpers gefunden und betätigt. Mein stilisiertes Spiegelbild-Fragment lächelte mir mit seinem Kotze-Fischmaul zu, aus dem sich die Bukowsky- und Wilde-Zungen schlängelten.

Hatte ich gerade wirklich um Hilfe geschrien, oder hatte ich es mir nur gewünscht? Die Abstände zwischen den klaren und unklaren Schüben wurden kürzer. Vor allem wusste ich längst nicht mehr welcher Schub welcher war. Und Drogen gab es auch keine mehr.

Nur noch dieses kleine Leseheftchen in meiner Hosentasche.
Dieses vermaledeite Buch dieses vermaledeiten Schriftstellers. Ich blätterte darin herum, als würde es Antworten auf meine Fragen bieten oder hätte einen Plan für die verwahrloste Stadt in meinem Kopf parat.
Alles war aus den Fugen geraten und ich befand mich mittendrin - in Auflösung.
Nahtlos gingen die diffusen Gedanken ineinander über. Eine Input-Achterbahn ohne Bremse.

Ich fuhr mit den immer noch kotzigen Fingern die einzelnen Zeilen dieses Werkes nach.
Es war ein dechiffrieren meines Zustandes, anhand der Kreativität eines anderen. Zumindest kam es mir so vor. Endlich war ich so betäubt wie ich glaubte sein zu müssen.

Ich raffte mich auf, hörte das Blut durch meinen Körper pumpen, spürte wie mich etwas verließ - und schlug das Buch zu.

Irgendwo zwischen seinen Seiten verschwand ich für immer.

Donnerstag, 18. Dezember 2014

Weihnachtsjedicht – Kai Lüftner



Et is mir so besinnlich, nich, 

ditt liegt am krank sein sicherlich. 

So kurz vor den Kack-Ferien 

ne Tonne voll Bakterien, 

und zwar uff eenma allesamt - 

verdammt. 



Et is mir so nach Weihnacht, nich, 

ditt liegt an allem sicherlich. 

Jetz jibtet ohne Ende Krempel, 

volljestoppte Einkoofstempel, 

jeden Schnick und jeden Schnack, 

jeht mir voll uffn Sack. 



Et is mir kalt, et is mir nass, 

et is mir insgesamt zu krass, 

Et is mir einfach viel zu fülle, 

mit der ach so heiljen Stille. 

und mit dem nervijen Kommerz, 

keen Scherz. 



Et is mir so nach Badestrand, 

mit Palmen, Sonne, Zuckersand, 

et is mir so nach Ukulele, 

baumeln lassen vonne Seele, 

nach Softjetränk und Sonnenbad, 

janz smart. 



Et wird, soviel is jetz schon klar, 

so ähnlich wie im letzten Jahr, 

mit fettem Essen, blöden Liedern, 

bei den Großeltern anbiedern. 

Mit Ringelpietz und Grinsebacke - 

die janze Kacke. 



Doch is, wenn ick janz ehrlich bin, 

ooch noch watt andret in mir drin, 

n Typ, der voll uff Kerzen steht, 

uff Märchenfilm vorm Endjerät, 

uff Plätzchenbacken und den Kram, 

voll lahm. 



Et is, wenn ick noch weiter jeh, 

sojar voll schön, nich nur okay, 

et is die Zeit in der ick jerne, 

allen Stress von mir entferne 

und mir einfach selbst jenüge, 

keene Lüge. 



Et is mir janz schön weihnachtlich, 

ditt is ditt Alter sicherlich. 

Im Ernst, ditt is total verschärft, 

ick lass ditt einfach watt mir nervt. 

Und allet andre lass ick zu - 

juhu! 

Donnerstag, 6. November 2014

Chaplin – Kai Lüftner


Früher konnte ich Adolf Hitler und Charlie Chaplin nicht auseinanderhalten.
Als ich noch n kleines Mädchen war, damals in der ehemaligen DDR.
Ich bin kein schlechter Mensch deswegen, mittlerweile kann ich es, obwohl der eine den anderen sogar mal gespielt hat, um die Verwirrung komplett zu machen. Egal.
Ich erinnere mich jedenfalls an einen Schwarzweißfilm, in dem Charlie Chaplin diese wohl offenbar recht berühmte Fließband-Szene hat. Wo er so durch die Apparaturen gesaugt wird und so.
Ich weiß noch, wie ich dachte: Na sag mal, wie kann der denn Witze machen – dieser Kack-Nazi!
Und dann noch im Fernsehen?
Haben die Russen da nix gegen? Ich meine, unsere Waffenbrüder?
Mir gingen so Kinder-Dinge durch den Kopf wie: Wenn die den Kack-Nazi zeigen wie er Blödsinn macht, wieso darf ich dann nicht Colt Sievers und Mac Gyver gucken? Oder wenigstens Hallo Spencer? Wer entscheidet denn so was?

Meine Mutter konnte ich nicht fragen, die wusste nichts von Colt Sievers und Mac Gyver. Die kannte nicht mal Sesamstraße, obwohl die natürlich schon voll uncool war zu dem Zeitpunkt.

Erst nach und nach hab ich verstanden, dass es zwei Typen mit so nem Stempelkissen-Bärtchen gab. Aber ich konnte sie einfach immer noch nicht auseinander halten.
Also hab ich Heiko Meister gefragt. Das war der Freak in unserer Klasse. Wenn der was Blödes antwortete, konnte man ihm einfach eine ballern und die Lehrer hatten sogar eine Art Verständnis dafür entwickelt.
Ich fragte Heiko: Sag mal einen Berühmten, den du kennst.
Er sagte: Titanic.
Ich sagte: Ick meine n Typen. N Berühmten, den man kennt.
Heiko sagte: Edward John Smith.
Ich fragte: Wer is n ditt?
Heiko sagte: Der Kapitän vonna Titanic.

Boah, da war es mir schon wieder voll anstrengend mit dem. Also fragte ich deutlicher:
Wie unterscheidest du denn zum Beispiel Adolf Hitler und Charlie Chaplin?
Heiko schaute mich ziemlich verdächtig an, aber er sagte nix, weil er keine von mir geballert haben wollte. Also sagte ich: Brauchst keene Angst haben, ick baller dir keene!
Er nickte, guckte aber immer noch gleich. Also hakte ick nach: Na?
Heiko fragte: Wer is n Charlie Chaplin?
Ich sagte: Ähm, na der mit dem kleinen schwarzen Bart.
Heiko fragte: Hitler?
Ich: Nee, eben der andere, der mit der Melone!
Heiko: Der Mörder?
Ich: Nee, der Schauspieler, der hat immer so n Spazierstock dabei und looft so komisch.
Heiko: Hm
Ich: Watt hm???
Heiko: Naja, eigentlich weeßt du es doch!
Ich: Watt?
Heiko: Na, wie man die auseinanderhält.

Kurz entstand eine Pause und Heiko glotzte wieder so, wie er immer glotzte, wenn er eine geballert bekommen hatte, oder es erwartete. Ich schaute mich um, ob irgendein anderer aus der Klasse unser Gespräch mitbekommen hatte. Als es nicht danach aussah, flüsterte ich ihm zu: Das bleibt unter uns, verstanden?
Er nickte und lächelte.

Seitdem wusste ich nicht nur, wie man Hitler und Charlie Chaplin unterscheidet, sondern auch, dass der Freak aus unserer Klasse irgendwie vielleicht doch gar nicht so ein Freak war. Oder eben grade doch.
Krass kompliziert.

Donnerstag, 16. Oktober 2014

Elisabeth Taylor – Kai Lüftner

Kai: Elisabeth Wer?

Antje: Taylor!

Kai: Kenn ick nich!

Rüdiger: Ostkind!

Kai: Na und!

Rüdiger: Selber blöd!

Antje: Jungs, ist gut jetzt! So kommen wir ja wohl nicht weiter!

Rüdiger: Eben!

Kai: Penner!

Antje: JUNGS!

Rüdiger / Kai: Jaja…

Antje: So war der Deal - jeder schreibt im Wechsel. Du bist jetzt eben mit Elisabeth Taylor dran.

Rüdiger: Antje hat Recht. Los jetzt!

Kai: Pfff!

Antje: War das dein Kommentar dazu oder kommt da noch was?

Kai: Pfff!

Rüdiger: Penner!

Kai: Ey Fresse jetzt, sonst dolles Aua!

Antje: JUNGS!!!!

Rüdiger: Ja, der nervt voll, oder?

Antje: Hilfe!

Kai: Wir könnten doch einfach bisschen schieben. Haben wir doch schon paar mal gemacht und keiner hats gemerkt.

Rüdiger: Ja, aber immer nur wegen dir wurde geschoben. Wir anderen, haben es immer hinbekommen. - Stimmts, Antje?

Antje: Naja, wo du Recht hast!

Kai: Pfff!

Antje: Komm schon, du schaffst das. Hast doch bisher eigentlich… Ich meine, selbst wenn du überhaupt keinen Plan hattest…

Rüdiger: Also immer eigentlich.

Antje: Nein, ich meine, du kannst doch irgendwie abstrahieren!

Kai: Watt?

Rüdiger: Ostkind!

Kai: Ey wirklich Fresse jetz, sonst platzt mir ne Ader, du Fatzke!

Antje: Jungs, gleich reicht es mir, ehrlich!

Rüdiger: Sorry, Antje!

Kai: Schleimer!

Antje: Würde dir denn ein Begriff besser passen?

Kai: Ähm…

Rüdiger: Siehste!

Antje: Du hast noch zwei Tage. Dir fällt bestimmt was ein. Dir fällt doch immer was ein!

Rüdiger: Naja, meistens!

Kai: Reicht es denn, wenn der Name einfach irgendwo steht?

Antje: Logo! / Rüdiger: Auf keinsten!

Kai: Aha!

Antje: Du kannst machen was du willst, keiner schreibt dir hier was vor! Was ist denn nur los mir dir? - Alles bisschen viel in letzter Zeit?

Rüdiger: Uiuiui, voll buisy, das Ostkind!

Kai: Ja, äh nein… äh, Fresse!

Rüdiger: Wie immer, sehr gehaltvoll, der Herr Lüftner!

Antje: Rüdiger - Fresse!

Rüdiger / Kai: Antje!!!

Antje: Na ist doch wahr. Immer macht ihr hier so einen Affentanz, immer wieder und wieder und ich wuppe alles hinter den Kulissen und versuche den Ball im Spiel zu halten und dann… dann kommt man sich immer voll spießig vor, weil… ähm… obwohl… AAAAAH!

Kai: Ui!

Rüdiger: Alles bisschen viel in letzter Zeit, oder?

Antje: Nein, alles wunderbar. Ehrlich. Aber von nun an kümmer ich mich nur noch um meinen Kram, verstanden?

Kai: Na, das is jetz aber echt n bisschen… ähm…

Rüdiger: Egoistisch?

Kai: Jau! Ich meine, der Rüdiger hat immerhin den Zettel gefunden!

Rüdiger: Eben und Kai hatte diesen töfte Kontakt da in Leipzig zur ersten Lesung und…

Antje: F-R-E-S-S-E!!!

(Frau Herden verlässt schwungvoll das Szenario; Hüftschwung Hollywoodreif, Herr Bertram und Herr Lüftner bleiben kopfschüttelnd zurück)

Rüdiger / Kai: Frauen!

Donnerstag, 25. September 2014

Sartre – Kai Lüftner


Sartre war genau zwei Meter groß und wog drei Zentner.
Außerdem war er schwul und ein Grufti.
Er machte die Tür im Knaak-Club. Diese Formulierung mag den Nicht-Club-Besucher ein wenig irritieren. Es bedeutet letzten Endes nichts anderes als sie zu bewachen. Die Tür.
Im besten Fall vor den Bösen, die zu diesen Zeiten meistens Bomberjacke trugen und Glatzen hatten und sich aus oftmals nicht ganz unkomplizierten Gründen Zugang verschaffen wollten.

Sartre war ein sanfter Bär und Philosoph und konnte doch zum wüstesten Kneipenboxer werden, wenn jemand Nicht-legitimiertes vorbei wollte.
Selbst im unabwendbaren Falle eines Falles fand er im Nachgang noch eine philosophische Komponente in allem. Sätze wie: „Mein Freund, wir könnten es irgendwann noch einmal neu versuchen! Nun geh!“ oder „Du hast deinen Hochmut wie ein stumpfes Schwert getragen, das du nicht zu bedienen wusstest!“ wirkten in eben diesem Umfeld mindestens seltsam. Vor allem, wenn der Angesprochene in seiner eigenen Suppe lag und aufgrund seines Zustandes eigentlich gar nicht wirklich ansprechbar war.

Ich traf Sartre das erste Mal auf der weltbekannten Wave- und Gothiksause in Leipzig. Hunderttausende pilgern mittlerweile jedes Jahr dorthin und verwandeln die Stadt in einen wahren Hexenkessel aus allen nur erdenklichen Szenen zwischen Steampunk und Sado-Maso.

Damals, Anfang der 90er, huschten ein paar verschreckte und blässliche Grufits die verfallenen Hauswände entlang, um den omnipräsenten Skinheads und Hools von Chemie oder Lokomotive Leipzig nicht in die brutalen Pfoten zu geraten. Nichts vom Selbstbewusstsein der letzten Jahre, ein paar Konzerte in schäbigen Hinterhöfen und abends eine Flasche Rotwein auf dem städtischen Friedhof.

Sartre las mich mit drei Promille, zwei blauen Augen und einer Orientierungslosigkeit, die sich nicht gewaschen hatte, am Leipziger Hauptbahnhof auf. Dort versuchte ich irgendwie Richtung Heimat zu kommen. Frisch von meiner damaligen Leipziger Freundin getrennt und dadurch um den sicher geglaubten Schlafplatz gebracht.

In meiner Erinnerung hob er mich von irgendeinem Bahnsteig auf, lud mich auf seine Schulter und kaufte mir am Imbiss eine Bocki zur Stärkung. Als ich wieder selber stehen konnte, fragte er mich, was ich für meinen durchtrainierten Body tat. „Matratzensport vielleicht?“ - Es war weniger anrüchig, als ich es für möglich gehalten hatte. Aber auch hier kann mich meine Erinnerung einfach nur pampern.

Er hielt mit seiner Homosexualität nicht hinterm Berg, aber es schien mir eindeutig, dass ich eher so was wie ein kleiner Bruder, als potentielle Beute war.
Er erzählte von einer Studenten-WG und ich folgte ihm torkelnd. Es war faszinierend, wie er vollkommen angstfrei und selbstverständlich die Straße langmarschierte, keine öffentlichen Plätze mied und niemandes Blick auswich. Nicht provozierend, sondern eher väterlich wissend lächelte.
Seltsames Gefühl, diese Sicherheit.

In der Studenten-WG feierten wir bis in den frühen morgen. Gegen 5 Uhr begann er auf dem Balkon wahllos Baudelaire, Kafka, The Cure und Micky Mouse zu zitieren - und alles in Beziehung zu einander zu setzen. Schließlich klatschte er mitten im Satz auf den Boden und war nahtlos eingeschlafen.

Ich saß bis zum Mittag neben ihm und passte auf, dass er nicht an seiner eigenen Kotze erstickte. Irgendwie war ich ihm das schuldig. Als er zu sich kam, drückte er mir 20 Mark in die Hand, damit ich nach Berlin zurück fahren konnte. Mit einem Handschlag und einem tiefen Blick verabschiedeten wir uns.

Unsere späteren Wiedersehen waren herzlich und freundschaftlich. Als gäbe es da eine alte und tiefe Verbundenheit. Irgendwie hatten wir uns jeweils ein bisschen das Leben gerettet. Der kleene Punk und der große Grufti.

Ich glaube heute, dass Sartre und ich eine Art platonische Beziehung hatten. Für die ich einfach nicht reif und nicht schwul genug war.
Tatsächlich hat er sich vor ein paar Jahren aus mir unbekannten Gründen das Leben in einer psychiatrischen Anstalt genommen.
Manchmal vermisse ich ihn.
Besonders wenn Robert Smith Boys don´t cry! singt. 

Donnerstag, 24. Juli 2014

Dean Martin – Kai Lüftner

A: „Dean wer?“

B: „Martin!“

A: „Ähm… also Martin?!“

B: „Genau.“

A: „Und hinten?“

B: „Na Martin!!!“


(Pause, betretenes Schweigen)


A: „Is da vielleicht was durcheinander gekommen?“

B: „Was denn?“

A: „Na Vor- und Nachname zum Beispiel?“

B: „Hä?“

A: „Martin is für mich n Vorname!“

B: „Ja, vielleicht im deutschen, aber…“

A: „Und außerdem heißt doch n anderer schon so!“

B: „Wie bitte?“

A: „James Dean nämlich… der heißt hinten so, wie dein Martin vorne!“

B: „Äh ja, kann ja sein, aber…“

A: „Oder isses vielleicht der selbe und er hat n Doppelnamen: James Dean Martin - oder so!“


(Pause, betretenes Schweigen, das noch um einiges betretener ist als das letzte mal)


B: „Also nochmal von vorn: James Dean und Dean Martin sind nich die selbe Person!“

A: „Sicher?“

B: „Ja!“

A: „Aber sie haben den gleichen Beruf?!“

B: „HATTEN!“

A: „Richtig, hatten!“


(Pause, derart betretenes Schweigen, dass es als unangenehm bezeichnet werden muss)


B: „Hastes jetz verstanden?“

A: „Auf jeden!“

B: „Super!“


(Pause, angefüllt mit dem betretensten Schweigen, dass jemals in einer Pause stattfand)


A: Hm … nur noch eins: Du hältst es zum Beispiel auch für total ausgeschlossen, dass … also … Ich meine, sie waren doch Schauspieler und so … Vielleicht hat ja der eine Dean den andern Dean … naja, nur gespielt!“

B: „JA!“

A: „Ja?“

B: „Ja, ich halte es für ausgeschlossen!“

A: „Hab ich mir gedacht!“

B: „Haste?“

A: „Jupp!“

B: „Und warum guckst du dann so … so … blöde?“

A: „Wieso wirst du denn jetzt beleidigend?“

B: „Schuldigung, war nich so gemeint! Bin nur bisschen gereizt irgendwie …“


(Pause ohne alles)


A: „Du hast schon Recht, das gibts ja auch bei uns. Peter Alexander zum Beispiel!“

B: „Hä???“

A: „Na von wegen komische Nachnamen die auch Vornamen sein könnten!“

B: „Ey sag mal bist du eigentlich wirklich so dämlich?“

A: „Ähm … wie meinstn das jetz!“

B: „Genau so!!!“


Ende

Donnerstag, 5. Juni 2014

Comic Wissen – Kai Lüftner


Über einer flirrenden Wüste steigt ein Feuerball auf.
Tentakel aus Glut streichen über den Boden, die verkrüppelten Bäumchen, stacheligen Sträucher und die noch schlafenden Tiere und pinseln ihr Licht über die vergehende Nacht.
Ein Klumpen krustiger Erde, so groß wie ein Tennisball, gerät in Bewegung. Von allein, dabei zerbröselnd, bis eine winzige Hand durch die Außenhülle stößt. Zur Faust geballt.
Durch die Geräusche des Morgens kann man eine heroische Melodie aus allen Richtungen vernehmen, die mit dem seichten Wind ab- oder zunimmt.
Sie verklingt, als die Kruste des Erdklumpens endgültig zerstoßen ist und ihr ein Kugelschreiber-großer Superheld entstiegen ist. Mit rotem Umhang, grüner Maske, gelben Handschuhen und türkis-blauen Stiefeln, die bis übers Knie reichen. Ein kunterbunter Mini-Super-Spider-X-Men!
Er schaut wortlos umher, die Hand gegen die Sonne gerichtet, legt sich dann auf die Erde und lässt sich bescheinen.
Kleineres und größeres Getier meidet seine Nähe, macht einen großen Bogen um das seltsam starr daliegende Etwas, von dem ein Brummen und Knurren, ein Klacken und Summen ausgeht. Als würde eine außerirdische Batterie mit Energie geladen.

Man kann es schließlich mit bloßem Auge verfolgen: Er wächst. Und wächst. Und wächst. Er dehnt sich aus, multipliziert und verzehnfacht sich immer schneller, bis

er an die Kanten eines Kästchens stößt, das dieses ganze Szenario großzügig umrahmt.

Der ehemalige Mini- nun Maxi-Super-Spider-X-Men tastet den ihn einengenden Rahmen systematisch und nach allen Seiten ab. Souverän und taktil, trotz der misslichen Lage.
An einer bestimmten Stelle über seinem Kopf setzt er gekonnt den Handballen an, übt ein wenig Druck aus und durchbricht mit einem deutlichen Kracks! die Barriere.

Die Maxi-Faust stößt aus dem entstandenen Loch, wie die Mini-Faust eben noch aus dem Erdklumpen.
Dann erhebt sich der gewachsene Superheld aus seinem einstigen Hintergrund und klettert ins darüber liegende Kästchen, als hätte er nie etwas anderes getan.

Nur der riesige Radiergummi macht einem möglichen Neuanfang ein jähes Ende. Mit drei, vier energischen Wischern verschwindet ein Superheld, als hätte er nicht gerade eben erst das Licht der Welt erblickt - und sie verlassen, um eine neue zu entdecken.

Über den blassen, verwischten Schemen, die gerade noch der potentielle Held einer ganzen Generation hätten sein können, gleitet ein dickes Stück Kohle, um die rudimentären Züge eines Monsters zu skizzieren.
Auch dieses wird wieder getilgt, bevor man seine Seele erkennen kann.

Mit der Frequenz von zügellosen Gedanken entstehen und verschwinden Bilder.
Am Ende landet ein nicht mehr brauchbares Blatt Papier im Müll.
Und mit ihm sterben tausend Ideen.

Man muss nichts über Comics wissen. Aber man kann.

Donnerstag, 8. Mai 2014

Schnarchen – Kai Lüftner

„Jetz reicht´s mir ABBA!“, blubberte Mongo und sah uns mit einem Blick an, der sensiblere Kleinstlebewesen definitiv in Schockstarre versetzt oder gar zum spontanen Herzstillstand motiviert hätte.
Mongo war nicht nur über zwei Meter groß, sondern hatte von Mutter Natur neben seinem aufbrausenden Wesen auch eine Physis mitbekommen, die ihm vor drei Generationen noch zu einer vielversprechenden Kariere als Rummelboxer oder Karusselbremser verholfen hätte.
Mongo war einfach nur ein Tier in riesiger, trotzdem schlecht passender Homo-Sapiens Uniform und es fühlte sich gut an, dass er - theoretisch zumindest - in unserem Team spielte.

Das ein oder andere Mal hatten E, A und ich zusammengesessen und darüber fabuliert, ob Mongo sich vielleicht nur für uns entschieden hatte, weil es auf der anderen Seite einfach mehr potentielle Gegner gab, die es auch wirklich verdient hatten, dass man ihnen eine fußballgroße Faust mit dem Wumms eines ungebremsten Fahrstuhls auf die nassrasierten Hohlbirnen donnerte.

Wie auch immer, Mongo hatte schlechte Laune, war auf irgendwas drauf, frisch getrennt, noch - oder schon wieder - besoffen und bekifft, hatte seinen Schlüssel verloren und ihm eiterte offenbar das Stück einer Baseball-Keule nur ziemlich langsam und schmerzhaft aus der rechten Augenbraue.
Wie es dem Typen ging, der Mongo die Baseballkeulen-Wunde beigebracht hatte, wurde leider nicht überliefert. Ich hatte ihn mal gefragt, als er mit dem frischen Cut im Haus aufgetaucht war. Seine Antwort war ein Grinsen, das mir irgendwie Übelkeit verursachte und gleichzeitig das Gefühl gab, Mitwisser bei einem ungeklärten Mordfall zu sein.

„Das Haus“ war ein Abrisshaus im Osten Berlins, an einer Stelle und zu einer Zeit, als es davon noch unzählige gab. Baufällige Rückzugsräume, frei von den Regeln der Außenwelt, aufgerüstet und verteidigungsbereit und oft genug Brutstätten und Keimzellen revolutionärer Ideen - die Baumhäuser und Räuberhöhlen der subkulturellen Großstadtkinder zur Wendezeit.

Mongo wankte und sein Blick wurde trüb. Als würde ein Vorhang vor sein Bewusstsein gezogen, der ihn in einem Zimmer einsperrte, zu dem niemand Zugang hatte außer er selber.
Die Reaktionen in der Küche waren unterschiedlich. Einige atmeten leise auf, andere nutzten die Gunst, um schleunigst aus seiner Reichweite zu entschwinden. Ich kam leider nicht an ihm vorbei, blieb also sitzen, wo ich war, und versuchte, mich mit der Kraft meines Willens unsichtbar zu machen.
Als ich dachte, gleich könnte es soweit sein, klackte der Knopf des Wasserkochers und Mongo kam mit einem Schütteln und Schnauben wieder zu sich.

Dann sagte er nochmal: „Jetz reicht´s mir ABBA!“ - und jedem war klar, dass er nicht die schwedische Band meinte. Wie ein angeschossener Büffel torkelte Mongo zum Wasserkocher, riss ihn mit Stecker aus der Wand und goss das kochende Wasser aus dem Fenster. Parallel zum Schrei, der von unten erscholl, kippte er sich die nicht zubereitete Fünf-Minuten-Terrine „Kartoffelbrei-Brokkoli“ in den Mund und kaute sie wie man Sand kaut.
Es war befremdlich, beängstigend, surreal!
Dann nahm er einen Stuhl - zum Glück nicht den, auf dem ich saß - und feuerte ihn ebenfalls aus dem Fenster. Die Schreie unten wurden lauter und wütender. Parallel zu seinen eigenen.

Ich konnte bis zu diesem Zeitpunkt nicht sagen, was genau Mongo reichte. Meine ganze Energie wurde weiterhin darauf verwendet, unsichtbar zu werden. Es muss mir gelungen sein, denn bald war nur noch der Stuhl mit mir darauf und ein Einbauschrank vorhanden, der durch seine Massiv-Verschraubung offenbar selbst für Mongo nicht so ohne weiteres zu meistern war.
Der Rest landete im Hof und man konnte schon von Weitem die ersten Sirenen heulen hören - worüber ich ehrlich gesagt einigermaßen froh war.

Mongo war nicht zu bremsen. Alles, was er greifen konnte, flog aus dem Fenster und zwischendurch wischte er durch die Luft, als würde er Fenster putzen oder Spinnweben wegwischen. Hilfe!
Ich kam mir vor wie bei einem Phantomboxen, bei dem der Gegner nicht klar und Mongo selbst eigentlich längst k.o. geschlagen war. Er wusste es nur noch nicht bzw. weigerte sich, es einzusehen.

Vor der Küchentür tauchte Toto, eine meiner damaligen besten Freundinnen, auf und durch mein eines halb geöffnetes Auge konnte ich sehen, dass sie ein leeres Glas in der Hand hielt und fassungslos darauf zeigte. Soweit ich in der Lage war zu erkennen, handelte es sich um das Glas mit ihren Stechapfel-Vorräten für die nächsten Jahre.
Ich habe mir nie wieder so gewünscht mich zu täuschen. Und ich hatte mich noch nie so getäuscht.

Es war seltsam, einfach so dazusitzen, mittendrin, und doch nicht dazu zu gehören oder direkt betroffen zu sein. Ich fühlte mich so schuldig wie das einzige Haus in der Straße, dass nach einem Orkan stehen geblieben war.

Und dann, plötzlich - Ruhe.

Als draußen die Sirenen heulten und in erstaunlich rhythmischen Intervallen der Rammbock gegen die gepanzerte Haustür knallte, gab es nur ein Geräusch, dass gegen die Sound-Kulisse ankam. Ein Geräusch, das in diesem Rahmen so anachronistisch wirkte wie Schlagsahne auf einem T-Bone-Steak: Das Schnarchen von Mongo, der mit seinem riesigen Schädel vollkommen reglos auf dem Küchenfußboden lag, als würde nicht gerade drei Stockwerke weiter unten eine Hundertschaft unser kleines verbarrikadiertes Baumhaus stürmen.

Toto nickte anerkennend zu dem sedierten Mongo und zeigte - süß wie immer - den Daumen, als hätten wir eine entscheidende Schlacht gewonnen. E und A im Hintergrund waren gerade erschreckend routiniert dabei, zwei Falltüren im Treppenhaus zu präparieren.
E grinste sogar hinter seiner Ski-Maske, ich hab es genau gesehen.

Ach ja, verrückte Zeit …

Donnerstag, 24. April 2014

Katze kochen – Kai Lüftner


Er hieß Eduard-Ferdinand Krawinkel.
Unter seinen Bekannten herrschte seit langem die Gewissheit, dass es sich bei den Vornamen nur um eine Gemeinheit seiner wirklich grenzwertigen und von diversen Suchtkrankheiten gebeutelten Eltern handelte. Sie mussten bereits kurz nach der Geburt davon überzeugt gewesen sein, dass da nichts sein würde, was man als die klassische Eltern-Kind-Bindung definieren durfte.
Der Startschuss dieses eigentlich verheißungsvollen Miteinanders namens Familie war ein absichtlicher Rohrkrepierer und würde nachhallen so lange der Junge lebte.

Eduard-Ferdinand modulierte sich aus mangelnder Zuneigung und Liebe einen Charakter den man als abgebrüht bezeichnen muss. Vielleicht auch als distanziert. Psychologen nennen das sozial divergent, aber das war nur hinderlich, wenn man etwas mit diesem Begriff anfangen konnte.
Konnte er nicht, denn bereits mit 12 Jahren war aus Eduard-Ferdinand „THC-Eddy“ geworden, das personifizierte Grauen aller Lehrkörper, Sozialarbeiter und Bewährungshelfer. Resilienz in Reinkultur.

Er prügelte, klaute und log sich skrupel- wie chancenlos durch sein Leben und hatte nicht den Hauch einer Ahnung, was er damit anfangen sollte.
Wir begegneten uns im April ´93 in einer U-Haft-Zelle in Moabit. Da war THC-Eddy 42, sah aus wie 70 und roch wie tot.
Es muss einer der wenigen Orte gewesen sein, an denen THC-Eddy nicht der größte menschliche Schandfleck war; an dem sein zerprügeltes und aufgedunsenes Gesicht nicht weiter auffiel. Weshalb er - für seine Verhältnisse - ein fast umgängliches Wesen war. Nicht in reuevoller Erwartung einer Strafe, oder aus Angst vor den anderen Insassen, sondern wie ein Nachtfalter in seinem Element. Still verharrend an einer modrigen Kellerwand im Dunkel. Umgeben von seinesgleichen. Ungestört mit sich und seiner puren Existenz.

Sie hatten ihn eingesperrt, weil er die Katze seiner Nachbarn kochen wollte. Nicht aus Bosheit, sondern wegen Hunger. Im Suff.
„Ick kiffe nichma mehr!“, sagte er und polkte sich den Schorf von einem beachtlichen Akne-Hügel, der auch ein Krätze-Fragment sein konnte. Alles was er sagte, klang wie ein Schrei mit Maulkorb.
„Ach!“, antwortete ich und hoffte, dass man mir nicht anmerkte, dass ich mit aller Macht versuchte, nicht einzupinkeln. Ich war grad 18 geworden. Zwar schon zum dritten Mal in U-Haft, aber zum ersten Mal „bei den Großen“. Hier saß das, wovor mich mein Einzelfallhelfer immer gewarnt hatte. Ich wünschte erstmals, ich hätte auf ihn gehört.
„Ach!“, machte ich noch mal und war mir sicher, dass ich ihm gar keine Frage gestellt, sondern er einfach irgendwann angefangen hatte, von sich zu erzählen.

Ich saß nicht freiwillig, aber auch nicht zufällig neben ihm. Die zwei anderen Bänke waren voll mit Gestalten, denen vermutlich allein mein grüner Irokese reichte, um grundlos all die waffenlosen Fiesheiten an mir auszuprobieren, die sie in ihrer lokalen Wehrsportgruppe eingeprügelt bekommen hatten. Ich wollte es nicht drauf ankommen lassen.

„Außerdem war es gar keine Katze, sondern n’ Kater!“
Um nicht schon wieder „Ach!“ zu sagen, hakte ich nach: „Und du wolltest ihn kochen?“
THC-Eddy war noch lange nicht fertig mit Schorf abpolken, aber beim Denken bekam dieser sowieso schon abartige Prozess noch eine Nuance Ekelfaktor oben rauf. Einfach weil er es so selbstverständlich und ungeniert tat.
„Ja. Nein. Ja“, sagte er schief grinsend und schob dieser Aussage nichts nach.
Und wieder machte ich: „Ach!“.
„Willst du mich verarschen?“, fragte er und kam mir so nahe, dass ich beinahe doch auf die anderen Bänke gerutscht wäre. Aber ich hatte mir vorgenommen, n’ harter Junge zu sein und zog es durch.
Mein „Nö!“ kam so solide wie ein Hologramm, aber er merkte es zum Glück nicht.

Vierzehn Tage später hatte ich meine Anhörung wegen Widerstand gegen die Staatsgewalt und Bildung einer verfassungsfeindlichen Organisation. Was alles die gleiche bescheuerte Soße war. Ich kam mit einer Ermahnung und einer Verlängerung meiner Einzelfallhilfe davon. Für den Stinkefinger bei meinem Abgang gab es 80 Stunden gemeinnütziger Arbeit obendrauf. Mein Betreuer war nicht gerade stolz auf mich.
So hockte ich allein auf den Treppen des Gerichtes, als ich plötzlich gegenüber THC-Eddy auf einer Bank sah.
Er saß da, eingerahmt von Schlafsäcken, Tetrapacks und Kaufland-Tüten, wie in einem entarteten Gemälde und winkte mir zu.

Erst als ich zu ihm herüber gekommen war, entdeckte ich den gestreiften Kater, der auf seinem Schoß lag. THC-Eddy fütterte ihn tatsächlich mit einem Plastelöffel direkt aus der Dose. Der Kater ließ sich nicht von mir stören.
THC-Eddy grinste.
„Issa das?“, fragte ich.
„Jupp!“, sagte Eddy und streichelte das Vieh, das ähnlich abgeranzt und doch irgendwie genauso unverletzlich aussah wie sein Gönner.
„Ach!“, sagte ich und machte, dass ich wegkam.

Es war mir in diesem Moment noch nicht so richtig klar gewesen, aber später:
Ich hatte etwas über die Menschen gelernt.
Und über das Leben.

Und über Katzen.
Aber nichts übers Kochen.